EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 16:  Falsches Alibi

Ingmar Hagedorn und Pastor Falke finden Jessica in einer Ruine
mit auf dem Rücken gefesselten Händen und aufgerissener Bluse

„Ein Mord?“ Seltsamerweise wirkte der Pastor kaum überrascht. „Wer?“ „Ich weiß es nicht. Detlef Knapproth.“
    „Detlef Knapproth soll ermordet werden?“ Nun wirkte er doch verblüfft.
    „Nein, es ist wegen des Alibis. Er brauchte wieder eins. Heute, jetzt. Und da ...“
    „Setzen Sie sich ...“
    Er setzte sich, bemerkte erneut seine zitternden Hände. „Es ist wegen des Alibis. Am Mordtag ... als ... ich ... Herr Knapproth hat mich gezwungen, für ihn auszusagen. Ich musste sagen, dass ich ihn am Nachmittag in der Fußgängerzone gesehen habe. Dabei habe ich doch ...“
    „Wie hat er Sie gezwungen?“
    „Er hat gesagt, sonst zeigt er mich an wegen Diebstahls geistigem Eigentums. Dass ich in meinen Gedichten abgeschrieben hätte.“
    „Haben Sie?“
    „Nein. Ich weiß nicht. Nein. Meine Gedichte waren doch alle wegen Babette. Weil Sie tot ist und ich schuld bin. Deshalb.“
    „Ich verstehe.“ Frank Falke nickte. „Das war also das Alibi. Und heute ...“
    „Heute wollte er wieder ein Alibi. Ich soll sagen, dass ich mit ihm um fünf Uhr in Nebel war. Ich wollte nicht, aber nachdem ich schon einmal ... Ich habe Ja gesagt und ich war auch schon auf dem Weg nach Nebel, damit das besser aussieht mit dem Alibi, aber ... So, wie er geguckt hat, so entschlossen, habe ich Angst bekommen. Ich will nicht, dass noch einer stirbt. Nicht noch einer. Ich glaube, er will jemand umbringen.“
    „Und ich weiß auch wen.“
    Ingmar Hagedorn schüttelte verwirrt den Kopf. „Wissen Sie das?“
    Frank Falke nickte, sah auf die Uhr. „Fünf vor fünf. Gleich ist es soweit. Und wo?“
    „Ich weiß nicht.“
    „Nicht die geringste Ahnung?“
    „Nein. Jedenfalls ... wohl nicht in Nebel, oder?“ Es dauerte alles so lange. Begriff der Pastor denn nicht, dass es eilig war. Sie mussten los, mussten etwas tun, aber ... was? Wohin?
    Außerdem musste er dem Pastor noch etwas sagen. Das Wichtigste. Der aber schaute inzwischen aus dem Fenster.
    Er warf ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. Der graue Himmel lockerte ein wenig auf. In der Ferne glänzte das Meer. Und davor ...
    „Da ist ja das Seehospiz.“ Das Haus war unwichtig. Herr Boysen hatte davon erzählt, das war alles. „Von meinem Fenster aus kann man es nicht sehen.“
    „Das ist es!“ Frank Falke schrie. „Das ist es! Kommen Sie, schnell, wir müssen dahin. Schnell!“
    Er stürmte aus dem Zimmer, blieb am Treppenabsatz stehen, fasste sich mit der Hand an den Kopf. „Aaahh!“
    „Ihr Kopf?“
    Frank Falke nickte kurz. „Wir müssen weiter.“
    „Im Garten sind unsere Fahrräder.“
    Sie eilten aus dem Haus, an der verblüfften Frau Boysen vorbei, die vor Sprachlosigkeit kein Wort herausbrachte.
    Sie liefen zu den Fahrrädern, die im Fahrradständer vor dem Haus standen. Gott sei Dank waren sie unverschlossen.
    „Wie lange wir wohl bis zum Haus brauchen?“
    „Sechseinhalb Minuten.“
    Frank Falke sah ihn überrascht an. „Wieso wissen Sie das?“
    Es war ihm so herausgerutscht. „Tut mir Leid. Ich bin Buchhalter, das sagte ich doch. Und da ...“ Sie schoben die Fahrräder zur Pforte. „Ich habe es halt errechnet.“
    Sie fuhren los, fuhren, so schnell sie konnten. Er spürte, dass der Pastor Mühe hatte mitzuhalten. Dann hatten sie das Seehospiz erreicht.

    Sie gingen gemeinsam das Haus ab. Ein Klotz aus grauem Holz, eine Ruine, irgendwie unheimlich. Die Fenster waren vernagelt, die Türen verschlossen. Vielleicht war doch alles falscher Alarm gewesen? Und er war sich so sicher gewesen. Aber ... Frank Falke rüttelte weiter an Fenstern und Türen. Von drinnen drang kein Geräusch nach außen. Ingmar Hagedorn sah ihn fragend an, ging weiter, nahm sich die nächste Tür vor. Die Tür ließ sich einen Spalt öffnen, dann blockierte sie. „Hier vielleicht?“Der Pastor kam. Sie zogen gemeinsam. Die Tür öffnete sich ein weiteres Stück, dann sprang sie mit einem Ruck unter rostigem Quietschen auf.
    Innen ... Er wusste nicht, wo er hinsehen sollte. Auf dem verstaubten Holzfußboden saß die Enkelin von Frau Boysen. Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt, ihre Bluse war brutal aufgerissen worden, gab den Blick auf BH und Brüste frei. Gewalt war spürbar, sichtbar, Todesnähe – und ein perverses Gefühl von Lust. Jessica war geschlagen worden, das sah man. Ihre rechte Wange war blutunterlaufen, das Haar wirr und verworren, die Schminke verlaufen. Sie blickte ihn panisch an, sprachlos, nicht begreifend. Neben ihr stand Detlef Knapproth. In der Hand hielt er einen Knüppel. Das höhnische Grinsen, das eben noch auf seinem Gesicht gelegen hatte, verflog, wich der Fassungslosigkeit, dem absurden Gefühl, ertappt worden zu sein. Ingmar Hagedorn sah Jessica, die wie erstarrt war, die schreien wollte und es nicht konnte, die nicht einmal an ihren Fesseln zerrte. Er konnte es nicht mit ansehen, wandte sich ab. Plötzlich bemerkte er, wie der Pastor voranstürmte. Fassungslos vor Wut, begann Frank Falke auf Detlef Knapproth einzuschlagen, der in seiner Überraschung sogar den Knüppel fallen ließ. Wie ein Verrückter schlug der Pastor zu. Detlef Knapproth hielt sich den Bauch, knickte ein, fiel zu Boden. Der Pastor ...
    „Halt, Herr Pastor, das dürfen Sie nicht!“

     *

„Das durfte er dir nicht antun, mein Deern. Niemand darf dir so etwas tun.“ Frauke Boysen saß an Jessicas Bett. Der Arzt war da gewesen, hatte sie untersucht, ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Jessica sah die Oma aus müden Augen an. „Was hast du dir bloß dabei gedacht, mein Deern. Mit so einem. Gab das keine netten Jungs ...“
    Was rede ich, dachte sie. Sie wusste genau, worum es ging. Um Liebe, um Eltern – um Eltern, die in ihren Augen keine Eltern waren, Maike und Uwe. Maike, ihre Tochter, hatte sie ihr das beigebracht, keine Mutter zu sein? Scham überkam sie.
    Und sie selbst? Wie wütend war sie oft auf Jessica gewesen, Jessica, die immer weg war, die nie etwas sagte und die sich so nach Liebe sehnte. Jessica mit ihren dreizehn Jahren und ein Mann über fünfzig – helle Empörung stieg erneut in ihr auf. Wie hatte dieser Mann es wagen können, ihre Enkelin anzufassen! Dabei brauchte Jessica doch einen Vater ... einen Vater! Und jetzt – fast hätte dieser Mann sie umgebracht. Wenn Herr Hagedorn nicht gewesen wäre, alle Achtung, und der Pastor. Wenn die beiden etwas später gekommen wären, dann ... Gott sei Dank, dass die Polizei Knapproth verhaftet hatte. Der würde keine kleinen Mädchen mehr anrühren!
    Sie streichelte ihrer Enkelin sanft über die Wange. Tränen zeigten sich in Jessicas Gesicht. Schließlich versiegten die Tränen, Frauke Boysen erhob sich.
    „Schlaf gut, Jessica.“
    Jessica nickte, drehte sich müde auf die Seite, kuschelte sich ins Bett. Wie klein sie doch war! So jung, so unschuldig. Frauke Boysen verharrte, sprach ein stilles Gebet. Dann zog sie die Gardine zu und verließ das Zimmer.
    „Ich kann das alles nicht begreifen“, hörte sie von unten herauf. Die Haustür klappte, die Dichter kamen ins Haus. Morgen würden sie abreisen. „Wollen wir nicht noch einmal zum Pastor rauf? Guten Abend, Frau Boysen.“
     „Guten Abend.“
     Sie wollte protestieren, darauf hinweisen, dass der Pastor Ruhe brauchte, unterließ es. Auch sie hätte gern noch einmal mit dem Pastor geredet. So ganz hatte sie die Geschichte auch noch nicht verstanden. Nach all der Aufregung hatte sich der Pastor wieder ins Bett gelegt, aber nicht ohne zu betonen, dass Besuch willkommen sei. Eigentlich sollte auch er morgen abreisen.
    Sie holten Stühle aus ihren Zimmern, klopften vorsichtig an Frank Falkes Zimmertür. Ein gedämpftes „Herein!“ erklang.
    „Oh, Sie alle.“ Frank Falke sah sie überrascht an, erschöpft und doch glücklich. „Kommen Sie, das ist lieb. Ah, Sie haben sich Stühle mitgebracht.“
    Sie gruppierten sich ums Bett, setzten sich. Frank Falke richtete sich im Bett auf.
    „Nun erzählen Sie doch!“
    „Ich verstehe das Ganze nicht. Knapproth wollte ihre Enkelin umbringen?“
    „Wollen Sie nicht erzählen, Herr Hagedorn?“ Der aber schüttelte den Kopf. „Jessica hat doch Pastor Falke die Geschichte erzählt. Ich habe nur ...“ Ingmar Hagedorn schaute schuldbewusst zu Boden. „Ich habe die Polizei geholt.“
    
    „Sie waren mutig.“ Frank Falke sah ihn an, wandte sich an die Runde. „Ich weiß nicht, ob ich ... Andererseits, Sie erfahren es ja doch. Es begann alles am Sonntag. Detlef Knapproth muss Jessica irgendwo getroffen haben, ich denke in der Fußgängerzone. Ich habe ihn nämlich gegen elf dort gesehen, mit zwei Eistüten in der Hand.“
    „In einer Hand?“
    „Zwei Eistüten?“
    „Ja, genau ... Nein, nicht in einer Hand. In jeder Hand eine. Und irgendwie habe ich immer darüber nachgedacht, für wen wohl das andere Eis bestimmt war. Aber ich habe nicht wirklich nachgedacht. Sonst ...“, er biss die Zähne zusammen, „sonst wäre das alles nicht geschehen. Wenn ich wacher gewesen wäre. Doch so ... Jedenfalls hat er Jessica getroffen, Jessica, die Sie ja alle gesehen haben, die auf der Suche nach einem Jungen war. Vielleicht ist sie in der Fußgängerzone immer auf und ab gegangen, das wollte sie nicht sagen. Und da war Detlef Knapproth, wie verrückt nach einem sexuellen Abenteuer, so denke ich mir. Er wollte sich wohl beweisen, dass er noch ein Mann ist, jung ist, ein junger Mann, irgendwas in der Art. Dann war da Jessica ...“
    „Habe ich dir das nicht gesagt?“ Kattrin Engels unterbrach ihn. Sie sah ihre Freundin an. „Dem war das doch egal, mit wem. Hauptsache ein Rock.“

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