EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 10:  Freundinnen

Kattrin Engels und Sybille Marxen geraten heftig aneinander.
Schneiber wird unfreiwilliger Zeuge des Streits im Strandkorb.

„Wie bitte?“ „Ja, da staunen Sie. Die war nicht immer lesbisch, von wegen. Ich persönlich“, er wechselte in einen vertraulicheren, leisen Tonfall, „glaube sogar, sie ist überhaupt keine. Das mit der Marxen ist doch nur Getue. Ja, mit Schmidt war sie verheiratet. Nur kurz, aber immerhin. Vor vier Jahren haben sie sich scheiden lassen. Sie hat dann ihren alten Namen wieder angenommen. Und die Marxen weiß davon nichts, das möchte ich wetten. Wie unschuldig die da saß, vorgestern Abend, als Schmidt seine Tirade auf den Lebenswandel abließ. Die hat gar nicht kapiert, worum es ging.“
    „Ich auch nicht.“
    „Habe ich ja gesagt. Da wären Sie nie drauf gekommen. Und wie er sie immer gesiezt hat. Seine Exfrau. Typisch Schmidt. Korrekt und gemein. Die Ehe mit Schmidt muss wirklich eine fürchterliche Zeit gewesen sein.“ Er lachte. „Kann man sich ja vorstellen. Die Engels hasst ihn, glauben Sie mir. Die muss mit ihm was durchgemacht haben. Würde mich nicht wundern“, er beugte sich grinsend vor, wurde erneut vertraulich, „wenn Schmidt ein sexueller Sadist war. Würde zu Schmidt passen. Aber nicht mit der Engels. Mit der geht das nicht lange. Die würde ihn umbringen, wenn er nicht schon tot wär.“ Er machte eine kunstvolle Pause. „Wissen Sie was, Herr Pastor. Fragen Sie die doch mal, wo sie am Nachmittag gewesen ist? Vorausgesetzt, sie geht Ihnen nicht gleich an die Kehle. Nein, wenn einer einen Grund hatte, den umzubringen, dann war sie es.“ Detlef Knapproth grinste. „Wollen wir wetten? Um was?“
    Frank Falke schüttelte den Kopf. „Darum wette ich nicht. Und was ist mit meinem Unbekannten?“
    „Na ja, den gibt es außerdem noch. Mir ist es auch egal. Vielleicht hat sie es getan, vielleicht nicht.“

     *

„Wie kannst du so etwas sagen?“ Das war die Stimme von Sybille Marxen in Dr. Schneibers Rücken, schrill und erregt. Spontan drehte er sich um. Vor ihm saßen die beiden Frauen in ihrem Strandkorb, die Engels im figurbetonten Bikini, während die Marxen sich hochgeknöpft gab.
    „Es hat nicht jeder so viel Geld geerbt wie du.“ Sybille Marxen wirkte beleidigt. „Du schwimmst im Geld, aber andere haben sich ihr Geld ehrlich erwerben müssen – durch harte Arbeit, genau. Und da ist mir das nicht egal, das weißt du. Ich weiß ja auch, dass du es für mich getan hast. Deshalb verstehe ich nicht, wieso du so böse bist und ...“
    „Sag mal, was bildest du dir eigentlich ein? Glaubst du, ich liebe dich so, dass ich für dich Lorenz umbringe, du kleines Miststück? Ausgerechnet Lorenz, für dich? Du mit deiner vermaledeiten Eifersucht, du kannst einen ja nicht mal ein paar Minuten allein lassen und ... ah, Dr. Schneiber.“ Kattrin Engels grinste plötzlich. „Kommen Sie, kommen Sie! Erleben Sie einen Streit unter echten Freundinnen“, mit einem Blick zu Sybille Marxen, „falls wir das noch sind.“
    „Ich, nein, ich störe doch.“
    „Sie stören nicht.“ Kattrin Engels grinste gehässig, faltete ihre Hände, ließ die Gelenke knacken. „Wir diskutieren gerade einen Mord. Den Mord, den ich an Lorenz Schmidt begangen haben soll, wenn es nach meiner feinen Freundin hier geht.“
    „Das ist nicht wahr!“ „Ich denke, du bist dankbar dafür, dass ich es getan habe?“
    „Du bist so gemein. Tränen“ standen Sybille Marxen plötzlich im Gesicht. „Außerdem ist es ja wahr. Du hast mit Herrn Schmidt zu Mittag gegessen. Kurz bevor er ermordet wurde. Ich habe euch gesehen. Und an der Odde ...“
    Kattrin Engels Augen blitzten. „Sie hat mir nachspioniert, meine feine Freundin.“ Sie lachte gehässig. „Und was war an der Odde? Warst du da?
    Sybille Ma“rxen brach in Tränen aus. „Du machst alles kaputt!“
    „Das kann schon sein, mein Liebes. Wenn es noch etwas kaputtzumachen gibt. Vielleicht sollten wir dem Dr. Schneiber auch noch sagen, warum ich deiner Meinung nach Lorenz umgebracht habe.“
    „Kattrin!“
    „Na gut. Sagen wir es nicht. Vielleicht kommst du ja damit durch. Morgen ist wieder Fragestunde bei der Polizei, nicht wahr? Und sie werden dich auch wieder fragen, was du oben an der Odde wirklich gemacht hast – oder gesehen hast. Sag´s ihnen doch. Und jetzt lass mich allein!“
    „Kattrin!“ Sybille Marxen erhob sich zögernd. Plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. „Du hältst mich für dumm.“ Ihre Miene vereiste, Tränen versiegten. Die Verwandlung erschien Dr. Schneiber geradezu unheimlich. „Ich bin aber nicht dumm. Das wirst du noch merken.“
    „Sybille!“
    „Oder du hast es schon gemerkt.“ Sybille Marxen grinste unflätig.
    „Ich bring dich um!“ Obwohl sie es leise gesagt hatte, hatte er es wohl verstanden. Erschrocken blickte er Kattrin Engels an. „Noch einen?“ Sybille Marxen ergriff ihr Badehandtuch, ihre Kleidung, ihre Tasche, stolzierte ohne ein Wort zu sagen davon.
    Stille entstand.
    Schneiber nickte stumm, drehte sich um, ging davon. Vor ihm ging Sybille Marxen schwerfällig durch den Sand, spürte ihn in ihrem Rücken, blieb stehen.
    „Kattrin ist manchmal so.“ Sie zögerte. „Mir kann keiner was beweisen.“
    Was sollte er dazu sagen? „Ich habe nichts gehört.“
    Sie gingen weiter und näherten sich dem Ausgang des Badeestrands.
    Sie schwiegen immer noch. Er fand es schwer, das soeben Erlebte einzuordnen, fand es unpassend und peinlich, mit hineingezogen zu sein. Die Geschichte ging ihn nichts an. Die Gehässigkeit von Frau Engels, der plötzliche Stimmungsumschwung bei Frau Marxen, die erhobenen Vorwürfe – all das erschreckte ihn. Dabei interessierte ihn nicht wirklich, wer Schmidt umgebracht hatte, es sei denn, er könnte Knapproth damit zu Fall bringen. Seltsam, wie wenig er um Lorenz Schmidt trauerte, fiel ihm auf. Aber konnte man um Schmidt überhaupt trauern?
    Sybille Marxen blieb stehen. „Sie hält mich für dumm.“ Plötzlich grinste sie wieder. „Aber ich bin nicht dumm. Das wird sie schon merken. Nein, sie weiß es schon.“
    Er sah sie an, merkte, dass diese Worte nicht an ihn gerichtet waren.
    Haben Sie etwas über Herrn Knapproth erfahren?“ Das war das eigentliche Thema. „Nein. Wie denn? Aber“, sie zögerte, „ich glaube, er hat etwas angefangen. Vielleicht sogar mit Kattrin. Der ist ja immer hinter ihr her.“ Welch ein Groll in ihrer Stimme. „Aber das finde ich noch heraus. Und wenn ...“ Sie brach den Satz ab.
    „Wie kommen Sie darauf?
    „Weibliche Intuiton. So etwas weiß man.“
    

     *

    „Sein Gesicht bei der Abstimmung hättet ihr sehen sollen!“
    Detlef Knapproth lachte. Das Lachen hört sich nicht echt an, dachte Frauke Boysen.
    Es war kurz nach zehn am Abend. Vor wenigen Minuten waren die Gäste zurückgekommen und hatten sich nicht wie sonst gleich auf ihre Zimmer begeben, sondern waren alle zusammen in die Gästestube gegangen. Frauke Boysen saß zusammen mit Okke nebenan im Wohnzimmer vor dem Fernseher.
    „Schon vorher“, die laute Stimme von Detlef Knapproth dröhnte, „als Hagedorn mich zum Vorsitzenden vorgeschlagen hat, ging Schneiber die Kinnlade herunter. Wie nichts Gutes! Köstlich! Dabei wollte ich ja gar nicht Vorsitzender werden. Ich hätte hinterher darauf verzichtet. Aber den Spaß war es wert.“
    „Sie haben nur fünf Stimmen bekommen.“
    „Ja und? Sage ich doch, darum ging es mir gar nicht. Und Sie, Frau Engels, haben wahrscheinlich auch für Schneiber gestimmt.“
    „Na und?“
    „Dr. Schneiber hat den Vorsitz verdient, finde ich. Er ist so emsig und ...“ „Wie bitte, Hagedorn? Und das von Ihnen? Schließlich haben Sie mich doch vorgeschlagen?“
    „Ja, äh, Sie wissen doch wieso. Warum sagen Sie das? Sie haben mich darum gebeten.“
    „Seien Sie vorsichtig“, Knapproths Stimme wurde unangenehm, „sonst ... Ach was, ich will ihnen allen mal was sagen. Einen Posten in einem Verein wie diesem verdient man sich nicht, den erkriecht man sich. Gucken Sie nicht so entsetzt, Frau Marxen, das ist so. Überhaupt: verdienen. Glauben Sie, dass man viel Geld wirklich verdient? Ich meine, im Sinne des Wortes? Sie haben doch auch geerbt, Frau Engels. Kennen Sie den Witz: Es war einmal ein Mann, der hatte es allein durch seiner Hände Arbeit zu unvorstellbarem Reichtum gebracht. Und morgen, liebe Kinder, erzähle ich euch ein anderes Märchen. Ich hab vergessen, von wem das ist, aber so ist es. Nehmen Sie doch mal das feine Hotel Hütt- mann. Wissen Sie, wie die angefangen haben im letzten Jahrhundert? Mit einem verborgenen Goldschatz. Von wegen, Hände Arbeit.“
    „Mit einem Goldschatz?“
    „Nicht ganz, meine Damen.“ Zu Frauke Boysens Verwunderung mischte sich ihr Mann in das Gespräch ein.
    „Und wie war es wirklich?“
    Okke genoss es sichtlich, im Mittelpunkt des Interesses zu sein.

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