EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 11:  Die Notiz

Ein rätselhafter Zettel wird gefunden. Er muss etwas mit dem Mörder
zu tun haben. Pastor Falke bittet Hobby-Autor Hagedorn um Hilfe.

Eigentlich ist es die Geschichte vom Café Schuldt, gegenüber von Hüttmanns. Mit dem Tourismus ist das ja noch gar nicht so lange. Pastor Bodelschwingh aus Bethel hat 1890 das Seebad Amrum eröffnet. Davor war oft Armut auf der Insel, die Amrumer lebten von der Landwirtschaft, vom Strandraub“, Okke lachte. „Das kenne ich noch, wenn da was angetrieben kam und dann schnell damit in die Dünen und verstecken, damit der Strandvogt nichts mitkriegt. Das waren Köstlichkeiten, eine Stange Zigaretten, ich weiß noch, kurz nach Kriegsende, oder auch nur ein großer Balken als Feuerholz, na ja. Und füher ... Eine Reihe von Männern ist ausgewandert, die meisten nach Amerika. Einer von ihnen war Nanning Petersen. 1870, glaube ich, ging er nach Amerika. Zu Hause blieben seine Frau und seine Tochter. Viele, viele Jahre hörten die beiden nichts von ihm. Plötzlich, nach dreißig Jahren, war er wieder da. Er sagte kaum etwas, erzählte nichts, brachte nichts mit, zog seine Arbeitsplünnen an und ging aufs Feld. Ein Jahr später starb er. Die Tochter Klara, die inzwischen den Bäcker Schuldt geheiratet hatte, verkaufte das Haus der Eltern. Kurz vor der Übergabe ging sie noch einmal durch das Haus und stieß durch Zufall auf eine kleine Kiste. Irgendetwas machte sie neugierig, und was soll ich sagen, die Kiste hatte einen doppelten Boden und in dem Geheimfach waren 35 000 Goldmark. Nanning hatte nie etwas davon gesagt. Mit dem Geld wurde die Bäckerei aufgebaut und dem Nachbarn Heinrich Hüttmann etwas geliehen. Der hat dann sein Hotel erweitert, fast um das Doppelte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.“
    „Erzählen Sie.“
    „Tja. Mit Hüttmanns selbst war das so: Wie ich schon gesagt habe, begann das Seebad Amrum mit Pastor Bodelschwingh aus Bethel. Ein Jahr später öffnete dann sein Seehospiz, das graue Haus in Richtung Odde, Sie können es von hier aus sehen. Jetzt ist es ja nur noch eine Ruine und wird auch bald abgerissen, aber damals ...“
    „Iiieee!“ Sybille Marxen schrie. Eine Wespe krabbelte an ihr herum. Mit einer panischen Bewegung streifte sie das Insekt ab. Die Wespe begann bösartig summend herumzufliegen. Stühle rückten.
    „Einen Moment.“ Auch Ingmar Hagedorn war aufgestanden. Mit überraschender Ruhe griff er nach dem für das Frühstück schon bereitgestellte Kaffeegedeck, drehte sich um, vollführte eine blitzschnelle Bewegung. Die Wespe war zwischen Tasse und Untertasse gefangen.
    „Alle Achtung.“
    Ingmar Hagedorn lächelte sheu. „Wespen fangen kann ich. Das kommt von ... Na ja, ich bring sie raus.“ Er verließ den Raum ging Richtung Tür. Alle setzten sich wieder.
    „Wie ist das nun mit der Ruine da draußen? Sie wollten uns doch was erzählen.“
    Zu den ersten Gästen, die ins Seehospiz kamen, gehörte Heinrich Hüttmann. Er kam aus Hamburg, hatte ein Hals- und Asthmaleiden und kurte auf Föhr und hier ging ihm das richtig gut. Und nur hier. Nicht auf Föhr, nicht zu Hause. Tja, dann hat er kurz entschlossen das alte Schulhaus hier gekauft und ein Hotel aufgemacht. Hotel kann man eigentlich nicht sagen, da waren mal gerade vier Fremdenzimmer und eine Küche. Er selbst lebte mit seiner Familie auf dem Dachboden. Trotzdem pries er sein Häuschen als erstes Hotel am Platze an. Na ja, und dann ...“

Das Telefon klingelte. Frauke Boysen erhob sich, ging hinaus in den Flur. Am Telefon war ihre Tochter Maike. Eine Viertelstunde später legte sie den Hörer wieder auf. Das Gespräch hatte sie nachdenklich gemacht. Maike hatte ihr viel erzählt. Nur nach Jessica hatte sie bloß ganz am Rand gefragt. Es war fast so, als ob sie keine Tochter hätte. Zum ersten Mal kam Frauke Boysen der Gedanke, ob sie Jessica vielleicht Unrecht tat. Vor allen Dingen ein Satz hatte sie aufhorchen lassen: „Vielleicht wird es ja doch wieder was mit Uwe und mir, ich weiß nicht, Mutter, vielleicht jetzt ohne Jessica ...“ Maike hatte den Satz nicht zu Ende geführt, aber ... ihr selbst wäre ein solcher Gedanke unvorstellbar gewesen.
    Frauke Boysen kehrte in die Gaststube zurück. „Ihr Mann macht morgen mit uns eine Führung über die Insel.“ Sybille Marxen strahlte.
    „Ich weiß noch nicht, ob ich mitkomme.“ Detlef Knapproth wirkte mürrisch.
    Plötzlich war ein leises Klirren zu hören.
    Jemand warf einen Stein gegen das Fenster. Detlef Knapproth schob mit grobem Handgriff die Gardine zur Seite. „Da steht der Pastor.“
    Ach du meine Güte, den hatte sie ja ganz vergessen. Schuldbewusst eilte Frauke Boysen zur Tür.
    „Was kommen Sie auch so spät.“
    „Tut mir Leid, der Konvent. Seit fünf Minuten rufe ich schon, aber mich hat niemand gehört.“
    Der Pastor sah sie mit einer sonderbaren Mischung aus Verwunderung und Verärgerung an, ging hinüber zur Gaststube.
    Hier „ist etwas heruntergefallen.“ Pastor Falke bückte sich, hob einen kleinen Zettel auf. „Gehört der jemandem?“
    Alle schüttelten den Kopf.
    „Und Ihnen, Frau Boysen?“
    Auf dem Zettel stand etwas. Sie las: „14 Uhr 30, Leuchtturm, Dünen.“
    Keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Sie schüttelte ebenfalls den Kopf.
    „Ich gehe jetzt zu Bett.“ Kattrin Engels erhob sich.
    Pastor Falke legte den Zettel auf den Tisch. „Ich gehe auch.“ Die anderen standen ebenfalls auf.
    Der Pastor wartete noch einen Moment, schien etwas auf der Seele zu haben, wandte sich doch ab, ging. Okke trollte sich ebenfalls. Frauke Boysen ging in die Gaststube, stellte die Stühle richtig, strich das Tischtuch glatt, begann für das Frühstück alles herzurichten. Den kleinen Zette konnte sie nirgendwo entdecken. Aber das hatte sicher keine Bedeutung.

Allhier erwarten die Gebeine eine fröhliche Auferstehung. Frank Falke las den Text mit einem Lächeln. Dennoch spürte er seine Anspannung.
    Er hatte sich der kleinen Exkursion nicht ohne Grund angeschlossen, hatte erneut seine Mittagspause genutzt, um dem Konvent zu entfliehen. Okke Boysen hatte sie über den Wattweg nach Nebel geführt, ihnen die Windmühle gezeigt, das kleine Heimatmuseum im Mühlenschuppen, dann gegenüber den Friedhof der Namenlosen.
    Dort hatte Frank Falke sich vor Verblüffung kaum halten können, denn vor dem Kreuz, das ihm Lorenz Schmidt gezeigt hatte, lagen Blumen. Und hatte er sich getäuscht, oder war es wirklich so gewesen, dass Okke Boysen ihnen den Friedhof nur auf das inständige Drängen von Sybille Marxen hin gezeigt hatte? Jedenfalls war Okke Boysen auf dem Friedhof äußerst wortkarg gewesen, hatte sich eine Zigarette angezündet und sich auf die Straße zurückgezogen.
    Danach waren sie alle zum Öömrang Hüs gefahren, dem anderen Heimatmuseum, hatten den Pesel, die gute Stube mit ihren beeindruckenden blauen Kacheln besichtigt und waren durch den Ort schließlich zurückgekehrt zu Kirche und Friedhof. Neben Frank Falke standen jetzt Ingmar Hagedorn, Sybille Marxen, Kattrin Engels und Detlef Knapproth. Er betrachtete sie verstohlen. Einer von ihnen, oder eine, dessen war es sicher, würde sich heute als Mörder von Lorenz Schmidt entpuppen. Oder irrte er sich?
    Frank Falke fragte sich, ob man ihm seine Gedanken wohl ansah. Er versuchte an etwas anderes zu denken, an den Konvent, eineinhalb Tage lagen jetzt hinter ihm.
    „... Sehen Sie, wie kunstvoll dieser Grabstein verziert ist. Und dieser hier. Sehen Sie die Segelschiffe da oben? Der hier gehört mit zu den ältesten, aus dem frühen 18. Jahrhundert stammt er. Wenn Sie genau hingucken ...“ Okke Boysen genoss seine Rolle als Fremdenführer.
    „Ich muss los.“ Detlef Knapproth unterbrach den Vortrag rauh.
    „Wollen Sie sich nicht noch die Kirche ansehen?“
    „Tut mir Leid, keine Zeit.“
    Knapproth ging. Falke sah ihm nach. War Knapproth derjenige, dem jener seltsame Zettel gegolten hatte? Der Zettel würde ihn zum Mörder führen.
    „Ich will auch los.“ Das war Kattrin Engels. Noch eine Verdächtige. Im Grunde waren sie alle verdächtig. Und einer von ihnen, oder eine, hatte ein geheimes Treffen vor sich, vermutlich mit dem Unbekannten, alles andere ergab keinen Sinn.

Vielleicht, so hatte er überlegt, hatte der Fremde im Auftrag gemordet und erhielt nun seinen Lohn oder neue Instruktionen. Oder umgekehrt, jener Unbekannte hatte etwas gesehen, Wissen, das er nun zur Erpessung nutzte. Deshalb vielleicht auch sein später Versuch, den Leichnam verschwinden zu lassen.
    Die Führung war zu Ende. Die Gruppe dankte ihrem Führer.
    „Haben Sie noch etwas Zeit?“
    „Ja, sicher.“ Ingmar Hagedorn sah Frank Falke freundlich an.
    „Ich ...“ Frank Falke sah sich um. Er sah den beiden Frauen nach, die, jede in ihrer Richtung, sich langsam aus seiner Hörweite entfernten. Auch Okke Boysen war inzwischen bei seinem Fahrrad angekommen.
    „Ich brauche Ihre Hilfe.“ Falke zögerte. Er hatte lange überlegt, ob er Ingmar Hagedorn um Hilfe bitten konnte. Schließlich hatte er sich dafür entschieden, denn im Gegensatz zu allen anderen hatte Ingmar Hagedorn Lorenz Schmidt erst auf der Insel kennen gelernt. „Ich brauche wirklich Ihre Hilfe. Ich will den Mörder überführen.“

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