EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 6:  Ein Toter am Strand

Lorenz Schmidt liegt ermordet am Ufer. Ein unbekannter
Mann rennt davon. Brauchen die Schriftsteller ein Alibi?

Er sah ihr nach, überlegte, ihr zu folgen, entschied sich endgültig anders. Das Ufer bog jetzt nach links ab, weitete sich, die Nordspitze der Insel war erreicht. Falke blickte auf. „Ach du meine Güte!“
     Wenige Meter von ihm entfernt sah er einen Mann einen leblosen Körper mühsam über den Boden schleifen. Frank Falke sah auf den am Boden liegenden Mann und entdeckte voller Bestürzung das Blut an seinem Kopf. Außerdem, einem Ohnmächtigen half man auf und zog ihn nicht über den Sand.
     „Was ist geschehen?“ Der Fremde erschrak, ließ die Beine fallen, an denen er den anderen über den Sand gezogen hatte, erstarrte.
     „Ich ... Er ist tot ... Ich ...“ Panik stand in seinem Gesicht geschrieben.
     „Ich habe ihn gefunden. Er ist ... äh ...“ Der Mann gab sich deutlich einen Ruck, „und das Wasser kommt, ich wollte ihn vom Wasser wegziehen, verstehen Sie?“
     Frank Falke stand jetzt neben dem Toten. Der Schock schüttelte ihn, als er ihn erkannte. Es war Lorenz Schmidt. Blut war über die bleiche Stirn, Nase und Mund gelaufen, ein dünnes Rinnsal und doch unmissverständliches Zeichen des Todes, die Haare eine sandig, blutig klebrige Masse. Mit starren, toten Augen starrte der Leichnam in die Luft.
     „Sind Sie sicher, dass er tot ist?“
     „Das sieht man doch.“ Der Fremde schien einen Entschluss zu fassen. „Ich hole einen Arzt. Bleiben Sie hier?“
     Frank Falke nickte. „Benachrichtigen Sie auch die Polizei.“
     „Ja.“ Der Mann rannte davon. Falke beugte sich zu Schmidt herunter, ergriff dessen Unterarm, versuchte seinen Puls zu fühlen. Der Arm fühlte sich kalt an. Schmidt war tot, war ermordet worden.
     Wie lange mochte es dauern, bis der andere einen Arzt oder zumindest ein Telefon, ein Haus erreichte? Eine Dreiviertelstunde bestimmt, wahrscheinlich länger. Also würde er mindestens eine Stunde hier ausharren müssen.
     Ihm wurde kalt. Der Regen kroch unter die Kleidung, er spürte die Feuchtigkeit auf seiner Haut. Wieder ein Blick auf den Leichnam. Wer hatte ihn so gehasst? Es war absurd, sich vorzustellen, dass er den Täter herausfinden würde. Er war Pastor, nichts anderes. Die Gedanken begannen zu wandern. Sybille Marxen, die ihm begegnet war. Hatte sie den Toten gesehen? Oder aber – nein, das konnte er sich nicht vorstellen – hatte sie etwa Lorenz Schmidt ermordet? Andererseits, er konnte sich nie wirklich vorstellen, dass ein Mensch einen anderen einfach so tötet.
     Die Zeit kroch. Er fröstelte. Das Wasser kam näher, die ersten Flutzungen waren schon dicht bis an den toten Körper herangekommen, kleine Wellen, die sich näher und näher schoben, im mit Steinen übersäten Sand versickerten. Er stand auf, seufzte innerlich, ergriff die Beine des Toten, um ihn vom Wasser wegzuziehen. Es war notwendig. Er konnte doch nicht zulassen, dass der Tote in den Fluten verschwand. Er hielt die Beine fest, zog, hielt verwundert inne, sah auf den Sand. Die Schleifspur des Körpers, die der Fremde hinterlassen hatte, führte nicht vom Wasser weg, sondern zum Wasser hin. Vorhin in der Erregung war ihm das nicht aufgefallen. Urplötzlich wurden ihm die Konsequenzen klar. Es hieß nichts anderes, als dass der Fremde versucht hatte, den Leichnam ins Wasser zu bringen. Der Täter, der das Opfer verschwinden lässt ...? Und er hatte ihn ziehen lassen!
     „Ei, was mache Sie dann do?“
     Vor Schreck hätte er beinahe die Beine des Leichnams fallen gelassen. Eine junge Familie kam vom Kniepsand her, der Mann ging erregt auf ihn zu, während die Mutter ihr vielleicht fünfjähriges Kind ängstlich zurückhielt. Plötzlich wurde ihm die Absurdität der Situation bewusst. Vor etwa einer Stunde hatte er den anderen in eben dieser Position angetroffen. Wider alle Vernunft musste er grinsen.
     Der Familienvater war jetzt nahe herangekommen, betrachtete misstrauisch den Toten, dann ihn selbst. „Isser dot?“
     „Ja. Er ist tot, ermordet.“
     „Ich muss a mol!“ Das kleine Mädchen begann zu schreien. Zugleich hörte der Regen auf. Der Vater blickte sich um, sah, wie seine Frau das Mädchen an den Dünenrand führte und über den Zaun hob.
     „Soll ich no die Polizei rufe?“
     „Wie denn?“
     Der Mann zog ein Handy aus seiner Jackentasche.
     „Und fragen Sie nach, ob der Tote bereits gemeldet ist.“
     Er hatte Recht mit seiner Vermutung. Der Todesfall war noch nicht gemeldet worden. Und das nach einer Dreiviertelstunde.
     „Sie brauche zwanzich Minute.“ Das kleine Mädchen tauchte gerade aus den Dünen auf. In der Hand hielt es ein Stück Papier.
     „Guckt a mol, was ich gefunne han.“ Das kleine Mädchen wedelte mit einem Blatt Papier.
     Sie gingen zu ihr hin. „Lass a mol gucke!“
     Klaus Wieland nahm seine Tochter auf den Arm. Er lächelte entschuldigend. „Es sammelt awer immer alles uff.“ Dann sah er es auch. In der Mitte des Papiers prangte ein großer roter Blutfleck. Frank Falke erkannte das Blatt. Es war der Einsatzplan der Schriftsteller für die nächsten Tage ...
    
     *
    
„Und wir sagen heute Abend nicht ab!“ Dr. Schneiber hielt den Einsatzplan für die Schriftsteller erregt in die Luft. „Unser Publikum hat ein Recht darauf ...“ „Sie denken wohl nur an sich, was Schneiber?“ Detlef Knapproth unterbrach Dr. Schneiber rauh. „Zumal Sie heute Abend selbst lesen. Lassen Sie den Pastor doch erst mal erzählen, was passiert ist.“
     Es war kurz nach sechs, sie saßen im Gästeraum der Pension, verteilt an den Frühstückstischen. Frank Falke befand sich bedauerlicherweise im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.
     Alle Pensionsgäste waren anwesend. Als Letzte war Kattrin Engels vor wenigen Minuten ins Haus gekommen und hatte sofort Dr. Schneiber dazugebeten, während er selbst noch unter der Dusche war. Auch die Wirtsleute waren dabei, die Boysens wollten anscheinend ebenso wenig wie die anderen die Schilderung eines Mordes verpassen.
     „Möchten Sie einen Tee, Herr Pastor?“ Ohne die Antwort abzuwarten, schenkte Frauke Boysen ihm eine Tasse ein, reichte sie ihm. Auch die anderen wurden von ihr versorgt.
     „Was soll ich erzählen?“ Er wusste nicht, wie er es beschreiben sollte. „Ich bin spazieren gegangen, um die Odde, jedenfalls hatte ich das vor. Wie Frau Marxen ja auch.“
     Augenblicklich richteten sich zahllose neugierige Augenpaare auf Sybille Marxen. „Ich bin umgedreht. Ich habe nichts gesehen.“ Der hysterische Unterton in ihrer Stimme war unverkennbar.
     „Und ich bin nicht umgedreht.“ Er sah noch einmal die Szene vor sich. „Und dann habe ich ihn gesehen. Oben an der Spitze der Odde.“ „Wirklich?“
     „Einfach so? Wie hat er ausgesehen?“ Ein junges Mädchen hatte sich dazugesetzt. Sie mochte vielleicht vierzehn Jahre alt sein. Frank Falke hatte sie noch nie gesehen. „Meine Enkelin Jessica.“ Frauke Boysen bemerkte Frank Falkes fragenden Blick, machte eine unwillige Kopfbewegung in Richtung Jessicas. Das Mädchen war stark geschminkt, fiel ihm auf. Sie lehnte sich lässig auf dem Stuhl zurück.
     „Und wie sah die Leiche nun aus?“ hakte Jessica nach. Frank Falke sah sie an, blickte in die Runde. Musste er wirklich alles erzählen? Jede Einzelheit? Andererseits war es vielleicht interessant, seine Zuhörer zu beobachten, wenn er die Geschichte erzählte.
     „Nein, nicht einfach so. Ich sah einen Mann, der einen Körper über den Strand zog. Dann erst entdeckte ich, dass der Tote Lorenz Schmidt war. Der Mann sagte zu mir ...“ Er erzählte die Geschichte in fast allen Einzelheiten.
     Währenddessen betrachtete er seine Zuhörer. Es war eine seltsame Stimmung zu spüren, Angespanntheit, mehr als nur Neugierde. Und doch hätte er nicht sagen können, wer ihm besonders auffiel oder warum.
     „Dann war es also dieser Fremde. Na, das ist ja gut. Außerdem habe ich ein Alibi.“ Alle starrten Detlef Knapproth an.
     „Wieso ein Alibi?“
     „Ich habe Herrn Hagedorn in der Fußgängerzone getroffen. Um Viertel nach drei. Nicht wahr, Herr Hagedorn?“
     Ingmar Hagedorn sagte nichts, schien kaum wahrzunehmen, was um ihn herum geschah.
     „Ich sagte, Sie haben mich gesehen. Um Viertel nach drei. In der Fußgängerzone.“
     „Ich ... Wie ... Ja.“ Ingmar Hagedorn schreckte auf. In seinen Augen waren deutliche Spuren von Angst. Er nickte stumm. „Ja, ich habe Sie gesehen. Wie Sie es gesagt haben.“
     Wieso ein Alibi?“ wiederholte sich Kattrin Engels. Sie faltete ihre Hände, ließ die Gelenke knacken. „Verdammt noch mal, Knapproth, wozu brauchen wir ein Alibi? Da wird Lorenz Schmidt hinterrücks ermordet, was ja wirklich schon schlimm genug ist, was ich auch einfach nicht kapiere. Aber wozu bitte brauche ich deswegen ein Alibi?“
     „Aber sagen Sie, Herr Pastor. Sie halten doch auch diesen Unbekannten für den Mörder, oder? Es ist einfach nicht vorstellbar, dass jemand aus unserem Verein“, Dr. Schneibers Blick auf Detlef Knapproth strafte seine Worte Lügen, „dass jemand von uns einen Mord begeht. Und wieso einer von uns? Jeder kann Schmidt begegnet sein, dort oben, wo Sie gesagt haben ...“
     „Nicht jeder. Ich habe ein Alibi.“

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