EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 4:  Der Vorwurf

Nach ihrer ersten Dichterlesung wird Sybille Marxen von Schmidt
beschuldigt, bei Karl Krolow abgeschrieben zu haben. Stimmt es?

Detlef Knapproth warf Kattrin Engels einen verstohlenen Seitenblick zu. Sie sah verdammt gut aus. Und zornig sogar noch besser. Was sie bloß mit diesem Mutti-Typ von Marxen zu tun hatte! Die Marxen wirkte unglücklich, sah Schneiber an, der auf sie einredete.
     „Ich fand Ihre Gedichte jedenfalls gut, Frau Marxen.“ Dr. Schneiber wirkte richtig väterlich. „Wenn man bedenkt, dass dies Ihr erster Gedichtband ist. Obwohl mich Ihr letztes Werk an irgendetwas erinnert. Ich komme nicht darauf, aber vielleicht fällt es mir noch ein.“
     „Krolow.“ Lorenz Schmidt schaltete sich ein. „Jetzt weiß ich es. Ihr Gedicht, Frau Marxen, wies mich auf Krolow hin. Ich werde zu Hause einmal nachsehen.“
     „Karl Krolow.“ Dr. Schneiber nickte nachdenklich. „Eine Ähnlichkeit im Stil scheint mir. Doch das ist schnell gesagt.“
     „Sie hat abgeschrieben!“ Lorenz Schmidt lachte hemmungslos. „Geben Sie’s zu.“
     „Aber ...“ Bestürzung zeigte sich auf Sybille Marxens Gesicht.
     „Wir sind nicht unter uns.“ Dr. Schneiber unterbrach sie herb, deutete auf den Pfarrer, den er mitgebracht hatte.
     „Ach ja, wir haben ja einen Pfarrer dabei.“ Detlef Knapproth griff nach seinem Weinglas, stellte verärgert fest, dass es leer war, ebenso die Weinflasche. Er wandte sich an Frank Falke. „Wie hat es Ihnen gefallen?“
     „Ja ...“ Frank Falke schien verlegen. „Ich verstehe wenig von Gedichten. Der Abend war nett, überhaupt die Insel hier.“
     „Was ist an dieser Insel schon Besonderes?“
     „Ich mag diese Insel.“ Lorenz Schmidt widersprach. „Alles ist akkurat und sauber, die Häuser sind ordentlich ...“
     „Ich bin gern hier.“ Kattrin Engels lachte. Ihr Zorn war verraucht. „Ich mag den Menschenschlag und ich mag das Meer, das Watt, die Bewegung von Ebbe und Flut, den Kniepsand, die Dünen ...“
     „Ja, das Watt ist schön.“ Detlef Knapproth schaute sie an, spürte seine Begehrlichkeit. Ihr feuerrotes Haar, diese Brüste, diese Hüften, sie sah wirklich verdammt gut aus. Natürlich hatte er Chancen. Es sah wirklich danach aus. Bei dieser Art Frauen wusste man das zwar nie so genau. Aber warum nicht mit einem Mann? Im Grunde genommen wollten sie das doch alle. Und sie war ja auch nicht immer so gewesen. Der Streit mit Lorenz Schmidt war doch zum Lachen!
     „Ja, das Watt, ein Erlebnis. Vielleicht sollten wir mal zusammen einen Ausflug machen. Wissen Sie was, ich lade Sie zur Wattwanderung ein.“
     „Eine Führung wäre schon interessant.“ Kattrin Engels nippte an ihrem Weinglas. „Wir könnten ja alle zusammen daran teilnehmen.“
     „Das Watt ist gefährlich ...“
     „Was wollen Sie damit sagen, Pfarrer Falke? Glauben Sie, ich werde jemanden in Gefahr bringen? Ich würde nie jemanden in Gefahr bringen.“ Detlef Knapproth ergriff Kattrin Engels Hand. Sie hat nicht einmal gezuckt, registrierte er zufrieden. Visionen von Lust kamen nahe. „Zumindest niemanden, den ich mag, Frau Engels. Bei anderen hingegen ... Ah, Dr. Schneiber“, er kicherte, „wir sprachen gerade von Ihnen.“
     „Ah ja.“ Dr. Schneiber wirkte irritiert, setzte sich, sah ihn verärgert an. „Ah ja ...“ Er wandte sich an die Runde. „Ich habe hier den Plan für die Lesungen der nächsten Tage. Wenn Sie vielleicht einen Blick darauf werfen wollen.“ Dr. Schneiber verteilte die Blätter. Kattrin Engels zog ihre Hand zurück, ergriff das Blatt. „Das meiste hatte ich Ihnen ja bereits schriftlich mitgeteilt. Einige Änderungen sind jedoch notwendig geworden.“
     „Ich bin am letzten Tag dran“, stellte Detlef Knapproth verärgert fest.
     „Ja, gewissermaßen als Höhepunkt.“
     „Wenn keiner mehr kommen mag, meinen Sie. Das ist wieder typisch für Sie, Schneiber. Wenn einer mal ein bisschen mehr Erfolg hat, dann ...“
     „Also jetzt reicht es mir, Knapproth, Ihre ewigen Sticheleien. Reißen Sie sich zusammen. Und trinken Sie nicht so viel!“
     „Ich ...“ So eine Unverschämtheit! Röte schoss ihm ins Gesicht. „Ich ... Sie ... Sie erfolgloser Schreiberling, Sie!“
     Plötzliche Stille entstand am Tisch, niemand sagte etwas.
     „Das werden Sie bereuen, Knapproth.“ Dr. Schneibers Finger trommelten auf die Tischkante. Eine harte Stimme. „Sehr bald sogar, auf mein Wort.“
     „Ich bin auch am letzten Tag dran“, stellte Kattrin Engels sachlich fest. „Wir lesen zusammen, Herr Knapproth.“
     „Wie? Oh ja, das ist etwas anderes.“
     Jemand lachte.
     Kattrin Engels lachte. „Das war doch etwas anderes.“ „Was soll das heißen“, Sybille Marxen schluckte, „das ist etwas anderes? Den ganzen Abend hast du mit diesem Widerling rumgemacht.“
     Ihre Tränen flossen nun doch. „Wollen wir eine Wattwanderung machen, Frau Engels? Wie schön, dass wir zusammen lesen, Frau Engels.“ Heftiges Schluchzen unterbrach ihren Wortschwall. „Und ... und du hast ihm zugelächelt. Ihn ermuntert.“
     „Aber Sybille! Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich mir aus dem etwas mache! Es hat mir Spaß gemacht ...“
     „Spaß gemacht!“ Ein neuer Tränenschwall raubte ihr die Stimme. „Eben, eben ...“
     „Sybille.“ Kattrin Engels fasste sie an der Schulter, drehte sie herum, küsste sie auf die Wange. „Nicht doch, Kleines! Weißt du, Männer wie er halten sich für unwiderstehlich. Dabei ist er im Grunde genommen ein armes Schwein. Ich möchte nicht wissen, wie das bei ihm zu Hause aussieht.“ Nur langsam drangen die Worte zu ihr durch. „Der ist echt in Not, das spürt man doch. Sybille, merkst du nicht, dass der hinter allem her ist, was einen Rock anhat? Der würde selbst mit einer Oma oder einem kleinen Mädchen ins Bett gehen. Hauptsache, er kommt mal an. Und da hat es mir halt Spaß gemacht, ihn auflaufen zu lassen. Hast du sein Gesicht gesehen, als ich ihm seinen Mondspaziergang verweigert habe und mit dir im Arm weggegangen bin? Das war das Vergnügen wert. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich an dem irgendetwas finde.“
     „Wirklich nicht?“ Die Tränen versiegten.
     „Wirklich nicht.“
     Sie ergriff Kattrins Hand, streichelte sie sehnsüchtig. „Du darfst mich nicht so ängstigen.“
     „Versprochen. Kattrin gab ihr einen Kuss. „Ehrlich, es tut mir Leid. Und nun komm, lass uns frühstücken, wenn wir überhaupt noch Frühstück bekommen.“
     Sie verließen das Zimmer, gingen die Treppe zum Gästeraum hinunter.
     „Oh Entschuldigung!“ Ein junges Mädchen rempelte sie an, presste sofort ängstlich die Finger auf den Mund. „Psst! Bitte verraten sie mich nicht!“
     „Nein. Warum?“
     „Danke!“ Das Mädchen glitt zur Tür hinaus.
     Wer war das denn?“ Sybille Marxen hatte sich von ihrer Überraschung noch nicht wieder erholt.
     „Keine Ahnung.“ Ihre Freundin rieb sich den Arm, gegen den das Mädchen gelaufen war.
     „Hast du gesehen, wie die aufgemacht war? Als ob sie in den Schminktopf gefallen ist. Und diese unmöglichen Klamotten. Die jungen Mädchen wissen einfach nie, was ihnen steht. So anmachend, weißt du. Und mit der Schminke – ich habe meiner Tochter immer gesagt, mit Make-up muss man vorsichtig umgehen.“ Sie lachte. „Davon versteh ich schließlich was. Aber mit sechzehn meint man immer, je dicker, desto besser. Und mit den Sachen ist das genauso.“
     „Die ist noch keine sechzehn.“ Kattrin schüttelte den Kopf. „Dreizehn vielleicht, vielleicht auch zwölf. Älter nicht.“
     Sie betraten den Gästeraum, sie waren allein. Dampfender Kaffee, Frühstücksei und frische Brötchen, der Tag konnte beginnen.
     „Weißt du, Kattrin ...“ Etwas ging Sybille Marxen durch den Kopf. Sie bestrich ihr Brötchen mit Butter, griff nach der Marmelade. Etwas war ihr aufgefallen. Gestern Abend, der Streit mit Schmidt ... „Kennst du den Schmidt eigentlich genauer? Was er zu uns gesagt hat und wie böse er war. Schon auf dem Schiff irgendwie. Und gestern Abend auch. Hast du seine Blicke gesehen?“ Innerlich schüttelte sie sich. Marmelade tropfte an ihrem Finger herab. „Und dann ... Du hast ihn geduzt.“
     „Ja.“ Kattrin gab sich einen Ruck. „Ich kenne ihn. Ich erzähle es dir später mal. Durch ihn bin ich in den Verein gekommen.“ Sie machte ein nachdenkliches Gesicht. „Und jetzt habe ich dich in den Verein gebracht.“
     „Meine erste Lesung gestern. Und so viele Zuhörer.“
     „Nein, Sybille, nein. Mach dir lieber keine Illusionen, Kleines.“ Kattrin schüttelte heftig den Kopf. „Es täte mir Leid um dich. Wer sind wir denn? Kleine Hobbyschriftsteller, die ihre Bücher zu Hause liegen haben. Du hast auch dem Verlag 10 000 Mark zahlen müssen, damit er dein Buch druckt. Bei den anderen ist das kaum anders, bei den meisten jedenfalls. Wir sind keine Bestsellerautoren. Aber gierig sind wir alle, nach Erfolg, nach Anerkennung. Und neidisch, ja. Ich auch, befürchte ich.“ Kattrin langte über den Tisch, ergriff ihre Hand, streichelte sie. „Pass auf dich auf, Kleines.“
     „Ja.“ Sie begannen erneut zu essen. Sybille Marxen fühlte eine unausgesprochene Spannung im Raum. Warum hatte Kattrin über Schmidt nicht reden wollen?
     „Sag mal, was war das eigentlich gestern Abend, die Geschichte mit Krolow“, unterbrach ihre Freundin die Stille. „Wieso?“ „Na ja, dass du abgeschrieben hast.“
     „Haben Sie meine Enkelin gesehen?“ Frau Boysen stand in der Tür. Mit blauer Küchenschürze sah sie noch voluminöser aus.
     „Ich ...“ Kattrin trat ihr unter dem Tisch gegen das Schienbein. „Nein. Wir haben niemanden gesehen.“
     „Na dann. Jessica ist ein paar Tage bei uns. Meine Enkelin, na dann ...“ Sie drehte sich um und ging.
     „Verrat doch das Mädchen nicht.“ Kattrin lachte, machte sich über den Kaffee her. „Ihr erstes Rendezvous, nehme ich an. Und diese Geschichte mit Krolow ...“
     „Ich habe gedacht, das merkt keiner.“
     „Wie bitte?“ Kattrin wäre fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen. „Wie bitte? Du hast tatsächlich?“

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