EVANGELISCHE ZEITUNG
   



| roman |  „treibsand“  –  der nordsee-krimi von christian uecker

Folge 2:  Pension Deichkrone

In der Pension sind einige Poeten zu Gast. Was ist mit Jessica,
der Enkelin der Wirtsleute los? Was bedeutet der Totenschein?

Ingmar Hagedorn schaute sich um. „Hier entlang.“ Detlef Knapproth ergriff seinen Koffer, machte sich zielsicher auf den Weg. „Sie waren noch nie hier, nicht wahr?“
     „Nein.“
     Sie durchquerten den Laubengang neben der Kurverwaltung, an die sich rechter Hand eine Konditorei anschloss. Das Hotel Hüttmann lag vor ihnen. Ein zweistöckiger, langgezogener Bau in angenehmem und zugleich vornehmem Gelb und Weiß. Ein Plakatständer vor dem Hotel verkündete: Jahrestagung des Clubs der Poeten. Erste Lesung am Samstag, den ...
     „Da sind wir.“ Sie betraten das Hotel. Eine freundliche Atmosphäre empfing sie. Im Eingangsbereich war ein kleiner Empfangstisch aufgebaut. Dr. Schneiber erwartete sie.
     „Willkommen zur Jahrestagung.“ Ein hagerer, vielleicht einsneunzig großer Mann. Er hat ein trauriges Gesicht, dachte Ingmar Hagedorn unwillkürlich.
     „Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?“ Die nächsten beiden Minuten vergingen mit artigen Höflichkeiten. „Und nun zu Ihren Zimmern. Leider, leider, wir können Sie nicht hier im Hotel unterbringen. Für Sie beide habe ich ein Doppelzimmer in der Pension Deichkrone vorgesehen. Tut mir Leid, aber ... es wird ihnen schon gefallen.“ Detlef Knapproths fassungsloser Blick unterbrach ihn.
     „Ein Einzelzimmer“, der plötzliche Wutanfall raubte Detlef Knapproth die Luft, „ich hatte ein Einzelzimmer bestellt. Im Hotel. Ich ...“
     „Nicht so laut!“ Erschrocken hob Dr. Schneiber die Hand. „Wir haben keine Einzelzimmer mehr.“
     „ Mit mir nicht. Mit mir können Sie es ja machen, was? Ich will mein Zimmer! Auf der Stelle!“
     „Ich bitte Sie, Herr Knapproth, haben Sie doch Verständnis.“ Dr. Schneibers Hände zuckten nervös. „Sie sind doch auch nicht allein in der Pension. Lorenz Schmidt ist da, Sybille Marxen und Kattrin Engels. Ich glaube, den beiden ist das sogar ganz recht mit der Pension, da sind sie ungestörter. Und mehr Ruhe haben Sie dort auch. Sie bekommen Ihren Schlüssel, dann sind Sie ihr eigener Herr. Das müsste doch in Ihrem Sinne sein, Herr Knapproth, so wie ich Sie kenne.“ Dr. Schneiber konnte sich das Schmeicheln nicht verkneifen. „Na vielleicht.“ Ein Kopfnicken. „Gut, wo ist die Pension? Obwohl es nicht in Ordnung ist.“
     „Das dürfen Sie nicht falsch verstehen, Hagedorn.“ Sie hatten das Hotel verlassen, gingen den Ual Jaat hinunter.
     Detlef Knapproth nickte ihm zu. „Das war nicht gegen Sie gerichtet, Hagedorn. Doch Schneiber muss man auf die Finger sehen. Der bildet sich ein bisschen zu viel ein auf seinen Doktortitel. Aber vielleicht ist die Pension wirklich besser. Aber nicht, dass Sie mir andauernd auf der Bude hocken, wenn wir ein Zimmer teilen. Man muss auch mal für sich sein können.“
     „Ja ... Selbstverständlich.“ Ingmar Hagedorn stand noch ganz unter dem Eindruck des soeben Erlebten. Der plötzliche Wutanfall Detlef Knapproths hatte ihn verwirrt, zugleich auf seltsame Weise fasziniert. Wie der Mann sein Recht verlangt hatte! So etwas hatte er selbst noch nie fertig gebracht.
     An der Kreuzung stand ein verloren wirkender Mann, den Koffer auf die Straße gestellt, ein klitschnasses Blatt Papier in der Hand.
     „Entschuldigung ...“
     Ingmar Hagedorn blieb stehen, sah den Mann an, sah Detlef Knapproth nach, der ungerührt weitereilte.
     „Ja?“
     „Wissen Sie, wo hier die Pension Deichkrone ist?“
     „Da müssen wir auch hin, kommen Sie.“
     Die beiden Männer eilten Detlef Knapproth hinterher.
     „Hagedorn, Hagedorn ist mein Name“, brachte Ingmar Hagedorn während des Laufens hervor.
     „Frank Falke“, entgegnete der andere schwer atmend.
     „So, die Neuen sind alle oben.“ Frauke Boysen kehrte in die Küche zu ihrem Mann Okke zurück. „Jetzt wird es mir manchmal zu viel. Immer neue Gesichter, neue Leute. Weißt du, als die Rexroths und die Möllers noch kamen. Die kannte man, fast 20 Jahre sind sie gekommen. Danach ihre Kinder. Aber jetzt ...“
     „Ja, die Kinder.“ Okke Boysen wurde ernst. „Unser Kind, Frauke.“ Tiefe Falten zeigten sich auf seiner Stirn. „Unser Enkelkind, ja.“ Er deutete auf den Brief, der auf dem Küchentisch lag. „Und was nun, Frauke?“
     „Na, was wohl? Wir nehmen sie auf, was sonst?“
     „Unser Haus ist voller Gäste.“
     „Ja. Vielleicht geht es mit Uwe doch noch mal. Überhaupt, Uwe ist Jessicas Vater.“
     „Diesmal ist es wohl vorbei.“
     „Ja.“ Er verließ die Küche.
     Frauke Boysen schaute ihm nach, seufzte, blickte auf den Brief von Maike, der heute gekommen war. Ja, diesmal war es wohl vorbei. Dabei war so schwer zu sagen, woran es eigentlich lag. Am meisten tat es ihr um Jessica Leid. Jessica war ihre Enkeltochter, dreizehn Jahre alt. Maike und Uwe hatten lange auf ihr Wunschkind warten müssen. Und nun sollte Jessica als Scheidungskind aufwachsen. Das war nicht richtig, wirklich nicht. Doch Uwe hatte eine andere, daran gab es wohl keinen Zweifel mehr. Obwohl Uwe das immer bestritten hatte.
     Sie hörte Geräusche aus der kleinen Teeküche. Einer der neuen Gäste war dort am Hantieren. Frauke Boysen wuchtete ihren schweren Körper von der Küchenbank hoch.
     „Na, einen Kaffee kochen?“
     Falke war sein Name, wenn sie sich richtig erinnerte. Keiner von den Dichtern, die diesmal das Haus bevölkerten.
     „Ja, und eine Kleinigkeit essen.“ Frank Falke deutete auf einen Teller mit Butterbroten, der auf der Küchenplatte stand.
     „Na denn guten Appetit. Und nichts stehen lassen. Die Küche muss immer ordentlich sein.“
     Sie schaute den Mann an. Wieder ein Neuer. Einer, dem man erst mal alles erklären musste. Eine Woche später der Nächste. Und übernächste Woche der Nächste ... Sie drehte sich um, ging zurück in ihre eigene Küche. Das Telefon klingelte. Sie hörte, wie ihr Mann an den Apparat ging.
     „Das war Maike. Okke “kam herein.
     „Und?“
     „Sie schickt Jessica zu uns. Heute Morgen ist sie aus ihrer Wohnung mit Uwe ausgezogen. Sie ist jetzt bei einer Freundin, sagt sie. Aber Jessica kann da nicht bleiben.“ Okke seufzte. „Also kommt sie zu uns. Jessica kommt in drei Stunden mit der letzten Fähre. Maike hat sie gerade hingefahren.“
     Frauke Boysen holte tief Luft. „Uwe war nicht der schlechteste Schwiegersohn.“ „Es ist vorbei, Frauke. Was nun, wenn ich Jessica von der Fähre geholt habe?“ „Wohin mit ihr, meinst du?“
     „Ja.“ Okke Boysen zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht.“ Sie sah ihren Mann intensiv an. Es geht ihm näher, als er zugeben mag, schoss ihr durch den Kopf. Frauke Boysen überlegte. „Jessica braucht ein Zimmer, ein eigenes Zimmer.“
     „Zimmer haben wir genug.“
     „Wir haben Gäste.“
     Bei Thea wird übermorgen ein Zimmer frei, fiel ihr ein. Thea war die Nachbarin, eine Rheinländerin, die nach zahlreichen Amrum-Urlauben einen Insulaner geheiratet hatte. Und Thea hatte ihr heute Morgen erzählt, dass einer ihrer Gäste kurzfristig abgesagt hätte.
     „Unser Enkelkind gehört in unser Haus. Thea ...“
     „Ich frage Herrn Falke. Nein, besser den Schmidt. Das Balkonzimmer.“ Sie hatte einen Entschluss gefasst. Schmidt war einer der Dichter. Er und Falke hatten die einzigen Einzelzimmer. „Wenn Schmidt zu Thea geht, kann Jessica in sein Zimmer. Und bis dahin ... die Luftmatratze in die Küche.“
     Frauke Boysen stieg die Treppe hinauf zu den Gästezimmern, klopfte an Lorenz Schmidts Tür. „Ich hätte da eine Frage an Sie, Herr Schmidt.“ Energisch trug sie ihr Anliegen vor. „Ich hoffe, Sie sind einverstanden?“ endete sie. „Ist das Zimmer dort denn auch sauber?“
     „Selbstverständlich.“ Ärger stieg in ihr hoch. Thea mochte sein, wie sie wollte, aber eine Schlampe war sie nicht. Was bildete sich dieser Schmidt eigentlich ein? „Und der Preis ist der gleiche?“
     „Ja.“ Es stimmte nicht, Theas Zimmer waren um einiges teurer. Doch das würde sie mit Thea schon geregelt kriegen.
     „Ich möchte mir das Zimmer vorher ansehen. Dieses Zimmer hier ist durchaus zufriedenstellend. Wenn ich überhaupt wechsle, dann ...“
     Ihr Blick fiel auf einen Stapel alter Formulare, die auf dem Nachttisch ausgebreitet waren. Totenschein stand in Druckbuchstaben auf dem obersten Bogen. Der Rest war in alter deutscher Schrift geschrieben. Die Handschrift war schwer zu lesen, zudem hatte sie keine Übung darin. Der Name des Toten war ...
     „... wäre ich dann bereit, das Zimmer zu ...“ Er bemerkte ihren interessierten Blick in Richtung Nachttisch, brach abrupt ab. Plötzliche Röte schoss in sein Gesicht.
     „Das geht Sie gar nichts an!“ Lorenz Schmidts Stimme bebte. „Das dürfen Sie nicht. Das ist meine Privatsache!“ Er schrie. Sprachlos starrte Frauke Boysen ihn an.
     Der Anblick verschlug ihm die Sprache. Frank Falke spürte den Wind auf seinem Gesicht, den allgegenwärtigen Sand unter seinen Füßen. Sie schauten auf den breiten, endlosen Strand, begrenzt von dem gewaltigen Dünenfeld, auf dem sie standen. Kilometerlanger weißer Sand, der sich im Horizont und zur Seeseite im dunklen Meer verlor, das wiederum ohne erkennbaren Übergang mit dem Himmel verschmolz.
     Das Meer war ruhig, wenig Bewegung war spürbar. Jetzt am Abend war der Strand menschenleer, sicher hatte auch die unbeständige Witterung ihren Teil dazugetan. Aber seit rund zwei Stunden hatte es nicht mehr geregnet. Der Strand war übersät von Strandkörben, zahllose Farbtupfer auf dem weißen Sand. Neben der Weite vermittelte der Strand jetzt noch eine andere Stimmung: Einsamkeit.
     „Ja, großartig.“ Ingmar Hagedorn nickte.

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