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| kosovo |    Das Feldpostamt in Prizren ist täglich bis 20 Uhr geöffnet

Wo Offiziere Tränen vergießen

prizren – Ihr Stempel ist unter Briefmarkensammlern äußerst gefragt: „731 Feldpost“. In Prizren, wo sich die Bundeswehr mit rund 3000 Soldatinnen und Sol- daten an der KFOR-Schutztruppe der Nato für das Kosovo beteiligt, ist das Feld- postamt leicht zu finden – rechts neben dem Friseur und gleich gegenüber vom Soldaten-Laden „Marketender“.

An zwei Schaltern, aus gelb angestrichenem Sperrholz und künstlichem Marmor in einem großen Zelt liebevoll gestaltet, werden von der durchweg uniformierten Kundschaft täglich Pakete mit einem Gesamtgewicht von 500 bis 600 Kilogramm und etwa 150 Briefe eingeliefert. Zum Angebot gehören neben Briefmarken – Feldpost wird schon lange nicht mehr kostenlos befördert – auch Ein- und Auszahlungen für die Inhaber von Postspar- büchern und Postbankkonten.

Pakete mit einem Gesamtgewicht von 500 bis 600 Kilo und etwa 150 Briefe werden täglich an den Schaltern des Feldpostamts Prizren eingeliefert. FOTO: AHLSCHWEDE

     Die beiden „Schalterbeamten“ Stabsfeldwebel Wolfgang Crasser und Oberstabsgefreiter Mike Brauer sind als Reservisten für einige Monate in Prizren stationiert und arbeiten auch im zivilen Leben bei der Post. Im Feldlager allerdings haben sie wie alle Soldatinnen und Soldaten hier eine Sieben-Tage-Woche und das Postamt ist stets bis 20 Uhr geöffnet. Weitere sieben Mitarbeiter der Feldpost sind auf dem „Airfield“ tätig, einem ehemaligen Flugplatz am Stadtrand, wo die Bundeswehr zurzeit ein zweites Lager unterhält. Hier wird das gesamte Postaufkommen für das Kosovo umgeschlagen: 21 bis 24 Tonnen in der Woche, in der Weihnachtszeit bis zu 40 Tonnen pro Tag. Ihr Gegenstück in Deutschland ist die „Feldpost-Leitstelle“ in Darmstadt, wo auch Sendungen von und nach Afghanistan, Bosnien und weiteren Einsatzgebieten deutscher Soldaten im Ausland zentral bearbeitet werden.
     Wie wichtig die Post für die Männer und Frauen im Einsatz ist, weiß man an den Schaltern des kleinen Postamts sehr genau. Er habe schon „Offiziere vor Freude über ein Päckchen von zu Hause weinen sehen“, berichtet Mike Brauer. Gegenwärtig sei jedoch „bei vielen auch große Enttäuschung spürbar“, ergänzt der Krefelder, verursacht durch die neuerdings deutlich längeren Laufzeiten. Bis Juni wurde die Kosovo-Post mit Bundeswehr-Flugzeugen transportiert, seitdem „aus Kostengründen„ auf dem Landweg.
     Bis zu den Außenposten brauchen Briefe nunmehr oft zehn, Pakete sogar 14 Tage, wird von Soldaten auf dem Berg Cviljen beklagt. Früher habe es nur halb so lange gedauert, und dass die dreitägige Reise per Lastwagen samt Übernachtungen für die Fahrer wirklich spürbar billiger sei als der dreistündige Flug, kann niemand so recht glauben.
     So greifen die meisten inzwischen wieder häufiger zum Telefon, nehmen dabei Minutenpreise ab 30 Cent aufwärts in Kauf, um den Kontakt zu Partnern und Angehörigen unter den veränderten Bedingungen nicht zu sehr leiden zu lassen. Und das aus gutem Grund, bestätigt Militärpfarrer Stefan Werdelis, denn „die schwerere Bürde tragen die Ehepartner. Die Rückkehrer bekommen die Einsatz-Medaillen – nicht jene, die auf sie gewartet haben.“

von Kare Ahlschwede

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