• 14. November 2013
  • Ausgabe 46/2013

Fundraising ersetzt nicht die Rücklagen

Hannover - Fundraising hat viele positive Effekte, sagt der EKD-Finanzexperte Thomas Begrich. Trotzdem müssen Gemeinden Rücklagen bilden, um gegen plötzliche finanzielle Engpässe gewappnet zu sein.

Evangelische Zeitung: Herr Begrich, zu welchen Rücklagen sind Gemeinden verpflichtet?

Thomas Begrich: Die einzelnen Landeskirchen haben durchaus unterschiedliche Regelungen. Wichtig sind freie Rücklagen (wie eine Allgemeine Ausgleichsrücklage, eine Personalkostenrücklage u.ä.), die die Gemeinde in die Lage versetzen für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren einen plötzlichen und dauerhaften Einnahmerückgang von bis zu 20 Prozent zu kompensieren. Ebenso wichtig ist eine Substanzerhaltungsrücklage, die für die bauliche Instandhaltung etwa der Kirche und eines Gemeindehauses da ist. Ohne eine solche Rücklage sind plötzlich und unabweisbare Baulasten nur schwer zu stemmen. Und für die laufende Instandhaltung muss auch gesorgt werden – also auch für die Wiederauffüllung dieser Rücklage etwa durch Abschreibungen.

Für viele Gemeinden stellt sich die Frage, ob die Bildung von Rücklagen nun wichtiger ist als die Finanzierung laufender Aufgaben?

Das ist die falsche Frage. Es geht darum, eine (hoffentlich) vorübergehende Leistungsschwäche ausgleichen zu können. Sonst verliert man die Handlungsfähigkeit unter Umständen ganz und gar – und ganz rasch. Das kann dann womöglich bedeuten, dass man viel mehr Probleme bekommt und Verluste hinnehmen muss, als einem lieb sein kann oder zu verantworten ist.

Zeichnet sich eine Entwicklung ab, nach der Fundraising zur Finanzierung gemeindlicher Aufgaben immer wichtiger wird?

Erstens: unbedingt ja. Fundraising hilft den Gemeinden bei der Lösung mancher finanziellen Probleme. Fundraising ist mehr als Geldsammeln. Es ist eine Kultur des Gebens und Nehmens und vor allem der Dankbarkeit. Die Empfänger des Geldes sind sowieso dankbar – und sollen es auch zeigen. Aber auch die Geber: für sie ist es die Überzeugung, mit ihrem Geld etwas wirklich Wertvolles und Wichtiges geleistet zu haben. Dazu gehört dann auch für den Empfänger, dass man nicht nur dankt, sondern auch transparent ist und Rechenschaft ablegt. Vor allem aber ist es die Auswahl der richtigen Vorhaben, die wichtig ist. Für die wöchentliche Gehwegreinigung ist schlecht zu fundraisen (kostet 100 Euro) – für die Reparatur der Orgel schon (kostet 10 000 Euro). Außerdem geben auch gern Menschen ihr Geld für die Orgel, die gar nicht zur Gemeinde gehören.

Zweitens aber: unbedingt nein. Die Kirche lebt von den verlässlichen und regelmäßigen Gaben ihrer Gemeindeglieder (wie der Kirchensteuer). Wenn die Gemeindeglieder etwa Kirche nicht mehr finanzieren wollen, hilft auch kein Fundraisung.

Oberkirchenrat Thomas Begrich ist Referent für Finanzen bei der EKD.